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Der Gastgeber und sein Gasthaus (Rumi) - für die Praxis


Das menschliche Dasein ist ein Gasthaus.

Jeden Morgen ein neuer Gast.

Freude, Depression und Niedertracht –

auch ein kurzer Moment von Achtsamkeit

kommt als unverhoffter Besucher.

 

Begrüße und bewirte sie alle!

Selbst wenn es eine Schar von Sorgen ist,

die gewaltsam Dein Haus seiner Möbel entledigt.

Selbst dann behandle jeden Gast ehrenvoll

vielleicht reinigt er Dich ja für neue Wonnen.

 

Dem dunklen Gedanken, der Scham, der Bosheit –

begegne ihnen lachend an der Tür und lade sie zu dir ein.

Sei dankbar für jeden, der kommt,

denn alle sind zu Deiner Führung geschickt worden

aus einer anderen Welt. 

(Rumi)



Die Weisheit von Rumi - umgesetzt für die Praxis ...


ALLE GEFÜHLE, EMOTIONEN & ZUSTÄNDE SIND WILLKOMMEN

Alles was in uns lebendig ist, ist ein Gast. Ob es sich nun um Freude oder große Schwierigkeiten handelt, Rumi ermutigt uns, jeden Gast ehrenvoll zu behandeln. Selbst wenn die Ankünfte unerwartete Besucher wie Depressionen oder Gemeinheiten beinhalten, heiße sie als Gast willkommen und "bewirte sie alle", sagt Rumi. 

 

EIN MODELL FÜR DIE PRAXIS

Wir sind gemacht, konditioniert und identifiziert. Die Idee von Rumi ist daher für die Praxis großartig. Die Arbeit mit den Persönlichkeitsanteilen nach dem IFS Modell (Inner Family System), mit dem ich arbeite, ist für mich dieser Schritt in die Praxis. Denn wenn wir erkennen, dass wir einen Gast haben, der uns gerade in unangenehmer Art und Weise in Beschlag nimmt (das heißt, wir mit ihm identifiziert sind) können wir uns an die Weisheit von Rumi erinnern und uns fragen: "Wer führt gerade? Wer nimmt unser Gasthaus in Beschlag?" Diese Frage regt zur Selbsterforschung an. 


Selbsterforschung: Wer ist der Gastgeber und wer sind seine Gäste?


Rumi sagt: "Sei dankbar für jeden (Gast), der kommt, denn alle sind zu Deiner Führung geschickt worden".

 

DIE GÄSTE - UNSERE PERSÖNLICHKEITSANTEILE

Wenn wir das Gasthaus als unser Bewusstsein betrachten, repräsentieren die Gäste unsere Persönlichkeitsanteile in verschiedenen Gemütszuständen. Tritt nun ein Gast besonders in den Vordergrund übernimmt er die Führung über unsere Gedanken, Gefühle und Emotionen und dient eigentlich unserer Bewusstwerdung. Doch wenn wir dies nicht erkennen, verhalten wir uns wie der Gast - und dieser Gast ist auch manchmal ein kleines, verletztes Kind. (Metapher zum "inneren Kind"). Unsere inneren Anteile befinden sich in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Sie besitzen unterschiedliche Reifegrade, Fähigkeiten, Talente, Stimmungen und Denkgewohnheiten. Ihre Wurzeln reichen weit zurück in unsere frühe Kindheit und manchmal wurden sie sogar generationsübergreifend an uns weitergegeben. Ohne eine gesunde Führung gleicht unser Gasthaus daher auch manchmal einen inneren Kindergarten oder sogar Kriegsschauplatz.

 

Wenn zu viele Persönlichkeitsanteile gleichzeitig in uns agieren, sich sogar miteinander verbünden und gegeneinander kämpfen, erzeugt das Stress. Daher brauchen wir eine Instanz, die das erkennt und unsere Persönlichkeitsanteile bewusst führt.

 

DER GASTGEBER - UNSER WAHRES SELBST

Stellen wir uns also die Frage nach einer gesunden und bewussten Führung des Gasthauses. Der Begriff Gastgeber (auch wenn er von Rumi so ausdrücklich nicht erwähnt wurde) könnte hierfür eine gute Metapher sein. Doch wer ist unser Gastgeber? Wer hat gerade die Führung - unser Ego oder unser wahres Selbst? Wenn das Gasthaus von unserem wahren Selbst geführt wird, haben wir den Überblick. Dann nehmen wir eine wohlwollende und freundliche Haltung gegenüber unseren Gästen ein. Dann sagen wir vielleicht so etwas wie: "Aha - ich habe einen Gast. Ich will mich ihn jetzt aufmerksam zuwenden, ihn bewirten und fragen, was er will, und was ich für ihn tun kann?" Dabei behält der Gastgeber immer die Oberhand und überlässt nicht die Führung seines Gasthauses seinen Gästen.

 

TRANSFORMATIVE FÜHRUNG - DER WEG ZU SICH SELBST

Wie innen so außen. Wenn man die Weisheit von Rumi auch Führungskräften in der Wirtschaft und Politik nahebringen kann, versteht man den Ansatz zum transformativen Führen. Hier weiß die Führungskraft, wer sie ist. Sie hat Kenntnisse über ihre Persönlichkeitsanteile (ihr inneres Team) und über ihr eigenes Wertesystem, was sie leitet. Eine wichtige Erkenntnis auf dem Weg zur guten Führung ist auch die Gestaltung von vertrauensvollen Beziehungen. Denn wenn die Beziehungen innerhalb eines Unternehmens nicht stimmen, wird das Unternehmen früher oder später scheitern. Dann werden größere Entscheidungen falsch getroffen, weil die Beziehung im Team nicht stimmt.

 

FÜHLEN & VERGEBEN

Rumi sagt: "... behandle jeden Gast ehrenvoll." Doch wenn das bisher nicht geschehen ist, sollte wirklich Vergebung stattfinden. Das bedeutet den Schmerz seiner eigenen Verletzungen aus der Vergangenheit (verletzte, innere Kinder) zu fühlen, sowie den Schmerz, den man anderen zugefügt hat. Doch viele Führungskräfte haben bisher weder vergeben noch ganz gefühlt. Sie stehen in Konflikt mit sich selbst und führen den Kampf dann weiter im außen. Und so setzt sich die Spirale des gegenseitigen Verletzens und Traumatisierens auch in der Wirtschaft und Politik fort.

 

Kleine Demo: Wie es aussehen kann, wenn das Ego und unbewusste Persönlichkeitsanteile die Führung übernommen haben, kann man hier in dem Film-Ausschnitt mit Politikern sehen: Gestresste, unbewusste Persönlichkeitsanteile (im ukrainischen Parlament) 

Solche Szenen spielen sich natürlich nicht immer so offensichtlich ab. Meist geschehen sie im Verborgenen und verlaufen auf subtilere Art und Weise, was sie aber keineswegs besser macht. 

 

Hinweis: Eine genaue Beschreibung zum IFS und inneren Team erfolgt in einem separaten Artikel.


In der Haltung des wahren Selbst ...


Was auch immer das Leben uns bringt, unsere Haltung - alles ohne Angst oder Abscheu zu begrüßen, erlaubt es uns, weiser, freundlicher und mitfühlender zu uns selbst und zu anderen zu sein. Aus der Perspektive des wahren Selbst ist alles nur eine Erfahrung, die uns als Persönlichkeit reifen und "voranschreiten" lässt.