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Mit Rumi in der Praxis


In der Dichtung werden Weisheiten mit Worten und Bildern vermittelt, wo wir oft mit intellektueller Sprache an Grenzen stoßen. Die poetische, verdichtete Sprache stellt im Unterschied zur intellektuellen Sprache eine Art leistungsfreie Zone dar. Auf diese Weise ermöglicht sie Menschen, sie selbst zu sein und sich in allen Bereichen zu erforschen. Ein wunderbarer Poet der Bildsprache ist dabei Rumi - seine Gedichte, Zitate und Verse vermitteln so viel Weisheit und Tiefe, die mich auch immer wieder in meiner Praxis inspirieren. Auf welche Weise? Das findest Du hier ...                                                                                                                                                          Rumi (1207-1273, Sufi-Mystiker und persischer Dichter)


1) Das Gasthaus - ein Modell für die Praxis


"Das Gasthaus" von Rumi spiegelt die Kernphilosophie der Arbeit mit den Persönlichkeitsteilen wider. Es handelt sich hier um ein systemisches Teile-Modell zur Erforschung unserer Innenwelt, mit welchen ich gerne in der Praxis arbeite. Im folgendem werde ich mich darauf beziehen und einen Transfer zwischen Gedicht und Modell herstellen. Doch zunächst das Gedicht ... 

DAS GASTHAUS

Das menschliche Dasein ist ein Gasthaus.

Jeden Morgen ein neuer Gast.

Freude, Depression und Niedertracht -

auch ein kurzer Moment von Achtsamkeit

kommt als unverhoffter Besucher.

 

Begrüße und bewirte sie alle!

Selbst wenn es eine Schar von Sorgen ist,

die gewaltsam Dein Haus seiner Möbel entledigt.

Selbst dann behandle jeden Gast ehrenvoll

vielleicht reinigt er Dich ja für neue Wonnen.

 

Dem dunklen Gedanken, der Scham, der Bosheit -

begegne ihnen lachend an der Tür und lade sie zu dir ein.

Sei dankbar für jeden, der kommt, 

denn alle sind zu Deiner Führung geschickt worden

AUS EINER ANDEREN WELT ...


Heute mit Rumi in der Praxis:

"Komm, komm, wer auch immer Du bist ..."



Praxis-Transfer: Das Gasthaus und seine Gäste


Rumi vermittelt mit seinem „Gasthaus“ eine Haltung aus der Achtsamkeitspraxis. Die Begriffe "Gast" und "Gasthaus" lassen sich wunderbar als Metaphern nutzen, um das Teile-Modell, dessen Ausrichtung v.a. die Selbstführung und Achtsamkeit sind, noch klarer und noch bildhafter darzustellen:

DAS GASTHAUS - UNSER BEWUSSTSEIN

Alles, was in uns ist, darf da sein. Und alles, was wir denken, tun und erfahren beruht auf Bewusstsein. Ohne Bewusstsein könnten wir keine Erfahrung machen. Die Idee, sich Bewusstsein als Gasthaus, einen inneren Raum oder ein Wohnzimmer vorzustellen, zeigt auch die buddhistische Sichtweise, die von dem vietnamesischen Zen-Meister Thich Nhat Hanh vertreten wird. 

DIE GÄSTE - UNSERE PERSÖNLICHKEITSANTEILE

Unser Bewusstsein enthält alle potenziellen Gemütszustände, zu denen wir als Menschen fähig sind. Einige dieser Gemütszustände scheinen sich in unserem Leben ständig zu wiederholen – aus ihnen entwickeln sich unsere sogenannten Persönlichkeitsanteile. Persönlichkeitsanteile kann man sich wie die Gäste eines Gasthauses vorstellen, wie die Bewohner eines Hauses oder wie kleine Akteure auf unserer inneren Bühne.


Hinweis: eine Darstellung zur inneren Bühne findest Du hier - in diesem Artikel unter: "Die innere Bühne zur Heilung von alten Traumata"


DIE ANKOMMENDEN GÄSTE

Die Gäste erscheinen immer dann in oder vor unserem Gasthaus, wenn sie durch irgendwelche Umstände aktiviert wurden oder sie uns bei der Bewältigung bestimmter Aufgaben helfen wollen. Grundsätzlich sind alle Persönlichkeitsanteile gut. Sie befinden sich jedoch in unter-schiedlichen Reife- und Entwicklungsstadien und haben alle ihre eigenen Launen, Gedanken und Verhaltensweisen, was es uns manchmal schwer macht, mit ihnen umzugehen. Bekannte Gäste (Persönlichkeitsanteile) sind hier der innere Kritiker und Richter, der Antreiber und Druckmacher sowie die verletzten, inneren Kinder. 




ERKENNEN & ANNEHMEN

Tritt nun einer der Teile oder Gäste in den Vordergrund und übernimmt die Führung über unsere Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen, will er unsere Aufmerksamkeit. Daher sagt Rumi: „Behandle jeden Gast ehrenvoll. “ „Begrüße und bewirte sie alle!“ selbst wenn die Ankünfte unerwartete Besucher wie Depressionen oder Gemeinheiten beinhalten. Alles, was in uns lebendig ist, hat eine Botschaft für uns und jeder Gast ist zu unserer Führung geschickt worden... Damit endet das Gedicht von Rumi.


Der Gastgeber: Achtsamkeit, Selbststärkung und Selbstführung


Am Ende des Gedichtes von Rumi habe ich mich gefragt: „Wer führt das Gasthaus? Wer tritt in Dialog mit den Gästen?“ Der Begriff des „Gastgebers“ kam mir dabei in den Sinn; auch wenn er bei Rumi so nicht vorkommt, empfinde ich ihn doch als eine gute Metapher zu unseren wahren Selbst. 

DER GASTGEBER - DAS WAHRE SELBST

Das Selbst ist die Führungsinstanz bei der Arbeit mit den inneren Anteilen. Es sitzt im Zentrum unseres Bewusstseins (Gasthaus) und kann von dort aus - in mitfühlender Verbundenheit und mit ruhiger, zuversichtlicher Klarheit - mit allen unseren Gästen in Kontakt treten. Das Selbst kann man auch als Kern unseres Seins, als unser Gewahrsein bezeichnen. Liebevolle, bewusste und mitfühlende Achtsamkeit ist eine Qualität des wahren Selbst.

 

DER ACHTSAME GASTGBER HILFT BEI STRESS

Die positiven gesundheitlichen Wirkungen von Achtsamkeit sind wissenschaftlich belegt und auch Teil meiner Praxis. Achtsamkeit kommt dem Bewusstseinszustand des wahren Selbst sehr nah. Indem ich mich in Achtsamkeit übe, kann ich immer entspannter und leichter auch mit ungebetenen oder zu vielen Gästen umgehen. 



SELBSTSTÄRKUNG

Wenn wir zu viele Gäste gleichzeitig in unserem Gasthaus haben, erfahren wir es als Stress. Dann fällt es uns schwer die Aufmerksamkeit auf einen Gast zu richten, der gerade unsere Hilfe braucht. Ziel der Teile-Arbeit ist daher zunächst die Stärkung des wahren Selbst.

 

Hier eine kleine Atemübung zu Selbststärkung - mit 4 Sätzen: 

  • Finde einen bequemen Platz zum Sitzen.
  • Wichtig ist es, die Wirbelsäule angenehm aufrecht zu halten und den Kopf im Gleichgewicht. Diese Haltung hilft zu entspannen, ohne abgelenkt zu werden.
  • Lenke nun deine Aufmerksamkeit auf den Atem.
  • Wenn du einatmest, sage dir: "Beim Einatmen schenke ich meinem Körper Ruhe."
  • Beim Ausatmen sagen dir still: "Beim Ausatmen lächle ich."
  • Bei der nächsten Einatmung sage dir: "Ich verweile im gegenwärtigen Moment“.
  • Beim Ausatmen: "Ich weiß, es ist ein wunderbarer Moment"

Diese Übung kannst Du zu jeder Tageszeit und an jedem Ort durchführen – sie zentriert Dich und bringt Dich in die Gegenwart. 



DAS SELBST IM DIALOG MIT EINEM GAST

In der Selbstführung sind wir präsent in unserer Mitte und nehmen eine achtsame, wohlwollende und freundliche Haltung gegenüber unseren Gästen ein. Dann behandeln wir alle Gäste gleich. Dann sagen wir vielleicht so etwas wie: "Aha - ich habe einen Gast. Ich will mich ihn jetzt zuwenden, ihn bewirten und fragen, was er will, und was ich für ihn tun kann. " 

Auf diese Weise entspannt sich unser inneres System und die Gäste werden ruhiger. Dann kannst Du auch leichter Deine Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Gast und seinen Gemütszustand lenken. Und wenn dieser Gast Sorgen hat, kannst du ihm liebevoll zulächeln und sagen: „Hallo Sorge, ich sehe dich. Ich merke, dass du heute sehr aktiv bist.“

 

Einfach diesen Gast voller Mitgefühl anzuerkennen, kann schon helfen. Und wenn man mit ihm spricht, kann man (mit etwas Übung) herausfinden, was ihn gerade so traurig macht.



2) Poesietherapie mit Rumi: Weisheit, Selbsterkenntnis & Heilung


"Eine Wunde ist ein Ort, über den das Licht in Dich eindringt". (Rumi)


Rumi begann zu schreiben, als sein bester Freund starb. Heute sind seine Worte und Gedichte wie ein Kompass, der auf unser Innerstes zeigt. Seine Worte sind voller Hoffnung und können uns helfen, den eigenen Weg zu uns selbst zu finden.

POESIETHERAPIE

Schreiben kann zum Ordnen und Formen von Gedanken und Gefühlen und Ideen beitragen. Und kreatives, therapeutisches Schreiben und Gestalten kann ein Weg zur Selbstfindung und Selbstverwirklichung sein. Es folgt dem griechischen Motto: "Erkenne Dich selbst und werde, der Du bist". Oder wie Rumi sagt ...


"Zeige dich, wie du bist oder sei, wie du dich zeigst". (Rumi)


SICH SELBST VERSTEHEN

Authentisch zu sein, sich selbst zu verstehen und sich damit in Beziehung zu seinen Mitmenschen und der Welt zu setzen, ist eine existentielle Herausforderung, der mit dem kreativen und therapeutischen Schreiben begegnet werden kann. 



"Gestern war ich klug und wollte die Welt verändern. Heute bin ich weise und verändere mich selbst". (Rumi)


WEISHEIT, SELBSTERKENNTNIS & HEILUNG

Eine Wirkung in der Poesietherapie ist das Erlangen von Weisheit und Selbsterkenntnis. Weisheit und Selbsterkenntnis bringen Licht in das dunkle Unbewusste. Wir brauchen dieses Licht damit Unbewusstes und Verdrängtes geklärt und geheilt werden kann. Über die Poesietherapie schaffen wir einen Austausch zwischen Unbewussten und Bewusstsein. Wir heben quasi das Unbewusste in den Raum des Bewusstseins und schauen es an im Licht der Gegenwart an. So können auch alte Wunden aus der Vergangenheit in uns heilen. 


3) Musik und Tanz mit Rumi: Kraft & Verbundenheit


"Jenseits der Vorstellungen von Richtig und Falsch liegt ein Ort. Dort werde ich Dich treffen". (Rumi)


Was Worte nicht imstande sind auszudrücken, das schafft die Musik und der Tanz. Für Rumi war Musik und Tanz eine Art Therapie; sie half ihm, das überwältigende Erlebnis der Liebe zu seinen Freund Scham, das ihn völlig aus seinen "normalen" Professorenleben geworfen hatte, zu verarbeiten. Rumi repräsentierte die Liebe auf ganz verschiedene Weise...


DER DREHTANZ: VERBUNDENHEIT

Rumi gilt als der Gründer des Ordens der tanzenden Derwische (Sufis). Der mystische Drehtanz berührt Herzen. Musik und Tanz verbinden sich im Rhythmus, der die Brücke zum Pulsschlag des eigenen Herzens schafft. Das Drehen soll aus der Nüchternheit des Alltags - über Ekstase - in eine Nüchternheit höherer Ordnung führen. So gesehen, kann der Drehtanz als „Leiter zum Himmel“ betrachtet werden, oder als ein Tanz, der Himmel und Erde miteinander verbindet.

 

Video: Der Drehtanz  als Bühnenshow - aus "Traumreise für die Seele" von Lex van Someren.



RHYTHMISCHES TANZEN: ERDEND & STÄRKEND

Rhythmisches Tanzen geht aus meiner Sicht auf unseren Ursprung zurück - unseren Ursprung der die Liebe ist. Durch das kraftvolle Aufstampfen mit den Füßen sind wir voll da - geerdet und präsent in unserem Körper. 

 

Tipp: Zum rhythmischen Tanzen und Erden empfehle ich die Musik-CD "Rythm on Fire" von Lex van Someren.

 

Video: Und hier noch eine Musik und ein Tanz, den ich auch sehr liebe: "El Flamenco Del Rumi" von Oliver Shanti



IN MEINEM ERLEBEN

Wenn ich rhythmische tanze und ganz bei mir bin, wirble und drehe ich mich manchmal um meine eigene Achse. In diesen Momenten fühle ich eine Kraft und Harmonie in mir und weiß "alles ist gut" - ich bin in mir und gleichzeitig außerhalb von mir mit etwas Größeren verbunden.


4) In Rumis Bildsprache: Orientierung zur Selbstliebe


"Deine Aufgabe ist nicht die Liebe zu suchen, sondern nur all die Hindernisse in dir zu suchen und zu finden,

die du dagegen aufgebaut hast". (Rumi)


Rumis Worte helfen bei der Selbst-Reflektion, Selbsterkenntnis und erinnern uns daran, dass der Weg zu unserem Herzen die Heilung alter Wunden und die Liebe ist. In seinem Gedicht "Lauf nicht davon" bringt er in seiner Bildsprache einen Widerspruch zum Ausdruck, den manche (unbewusst) in sich tragen und der zu schmerzvollen Erfahrungen, inneren Widerständen und Orientierungslosigkeit im Leben führen kann.

 

LAUF NICHT DAVON

Du fragst nach dem Gewinn –

Lauf vor Deinen Kunden nicht davon.

 

Du fragst nach dem Monde –

Lauf vor der Nacht nicht davon.

 

Du fragst nach einer Rose –

Lauf vor den Dornen nicht davon.

 

Du fragst nach dem Geliebten –

Lauf vor dir selbst nicht davon.

(Rumi)


Aus der Vergangenheit:

"Als die Liebe einzog in mein Haus erkannte ich sie hinter den Schmerzen nicht und zog aus..."



"Um in den Rosengarten einzutreten, schließt die Seele Frieden mit den Dornen. 

Deine Schmerzen sind Boten – höre auf sie. (Rumi)


5) Mit Rumi auf dem Weg zur göttlichen Liebe


Jemand fragte: „Was ist Liebe?“ Gott gab zur Antwort: „Das wirst du wissen, wenn du dich in mich hinein verloren hast.“ (Rumi). Die Botschaft aller großer Lehrer der Vergangenheit war die Botschaft der bedingungslosen und göttlichen Liebe. Obwohl Rumi Muslim war, fühlte er sich Jesus sehr nah. Er verfasste zweiundachtzig Gedichte über Jesus und fühlte sich über den Schmerz, den Jesus durchlitten hatte, mit ihm verbunden. Auch wenn Rumi sein Gottesbild aus dem Koran bezog, besaß er eine tolerante Haltung gegenüber anderen Religionen. In einem seiner Gedichte schrieb er:  "Liebe ist meine Religion".


"Ich suchte in Tempeln, Kirchen und Moscheen. Aber ich fand das Göttliche in meinem Herzen. (Rumi)


 Was soll ich tun, o ihr Muslime? Denn ich kenn‘ mich selber nicht: Weder Christ noch bin ich Jude, und auch Pars‘ und Muslim nicht ..

 

Nicht vom Diesseits, nicht vom Jenseits, nicht von Eden, nicht von der Hölle nicht von Adam, nicht von Eva, auch vom Engel stamm‘  ich nicht.

 

Mein Raum ist raumlos, mein Zeichen die Zeichenlosigkeit, ist weder Körper noch Seele,  ich bin nur ein Teil von Seinem Licht. (Rumi) 



"Aus der Entfernung siehst du nur mein Licht. Komm näher und erkenne, dass Ich Du bin." (Rumi)


DIE TRENNUNG AUFHEBEN

Der Ursprung aller Religionen ist Liebe. Gleich, welchen Glaubens wir sind – Rumi erinnert uns, den Pfad der göttlichen Liebe zu sich selbst zu gehen. Liebe entsteht nicht durch dogmatische Lehren oder Religionen, die einen "Vertreter" auserwählen, um über ihn in Verbindung mit Gott zu treten. Auf diese Weise glaubten die Menschen an einen Gott, der sich außerhalb von ihnen befand und begannen sich dadurch immer mehr von ihn zu trennen. Doch Liebe ist genau das Gegenteil: Liebe hebt Trennung auf. Das Gefühl der Liebe ist Verbundensein - ein Phänomen, das im eigenen Selbst stattfindet.

AUF DEM WEG ZU GOTT

Frei von Aberglauben, Dogmatismus, Fanatismus und Egoismus suchte Rumi das unmittelbare Erleben mit Gott, das von den Sufis auch als Vereinigung mit dem Geliebten bezeichnet wird. Die Vereinigung mit dem Geliebten oder mit Gott ist emotionale, gelebte Spiritualität und kann über verschiedene Wege erreicht werden. In der göttlichen Liebe aufzugehen und zu einem höheren Leben zu erwachen, ist die Sehnsucht vieler auf diesem Weg...


Wenn der Tropfen sich gewahr wird, Ozean zu sein ... 




                                                                                                                                                                                                                                                                                                              Copyright: Sylvia Römer